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16.12.2019

Zwei Fragen an Dr. Peter Krauss-Hoffmann

Chancen und Herausforderungen des diversitygerechten Arbeitsschutzes

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"Die Arbeitswelt in Nordrhein-Westfalen ist vielfältig", sagt Dr. Peter Krauss-Hoffmann. "Das bedeutet auch, dass es unterschiedliche gesundheitliche Bedürfnisse und Kenntnisse über den Arbeitsschutz gibt. Bezieht man diese Vielfalt nicht aktiv ein, dann kann das zum Gesundheitsrisiko für den einzelnen Beschäftigten aber auch für die gesamte Belegschaft werden." Er leitet im LIA.nrw die Gruppe 2.1 Grundsatzfragen, Politikberatung und Arbeitsweltberichterstattung, die sich auch mit den Themen der vielfältigen Arbeitswelt beschäftigt.

Welche Vorteile hat diversitygerechter Arbeitsschutz für die Betriebe oder die Verantwortlichen im Arbeitsschutz?

Vielfalt hat unterschiedliche Ausprägungen: Manche Menschen sind körperlich eingeschränkt und für sie sind einige Arbeiten belastender und beanspruchender. Andere verstehen die Arbeitssprache nicht gut genug. Einer der Vorteile des diversitygerechten Arbeitsschutzes ist, dass das Risiko für Unfälle und Arbeitsunfähigkeit verringert werden kann. Zum Beispiel kann auf einer Baustelle eine falsch verstandene Geste fatale Folgen haben. Auch jemand, der eine andere Sprache spricht und deshalb Sicherheitshinweise nicht beachtet, kann zur Gefahr werden. Wenn man sich dieser Vielfalt bewusst wird und den Arbeitsschutz darauf ausrichtet, beispielsweise Sicherheitsinformationen übersetzt, schützt das die Gesundheit aller Beschäftigten im Betrieb.

Der diversitygerechte Arbeitsschutz erkennt Vielfalt an, die Potentiale jedes und jeder Einzelnen werden gesehen. Vielleicht haben Beschäftigte mit Migrationshintergrund durch ihre Arbeitserfahrungen im Ausland Anregungen, wie man Arbeit noch sicherer organisieren kann. Diese Erfahrungen einzubinden, könnte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter motivieren und damit leistungsfähiger machen.

Zusätzlich hat diversitygerechter Arbeitsschutz oft einen Mehrwert für den gesamten Betrieb: Einfache, verständliche und ansprechende – vielleicht mit Bildern oder Videos gestützte – Unterweisungen kommen bei allen Beschäftigten gut an und bleiben länger im Gedächtnis.

Die Herausforderungen, die sich der Arbeitsschutz in Zukunft stellen muss, sind sicher genauso vielfältig wie die Belegschaften. Können Sie uns trotzdem eine nennen, die aus Ihrer Sicht besonders hervorsticht?

Betriebliche Prävention vielfaltsgerecht aufzustellen, wäre aus meiner Sicht ganz zentral. Bisher profitieren Beschäftigte mit Migrationshintergrund nur ungenügend davon. Das bedeutet, dass wir entweder neue Angebote für diese Zielgruppe brauchen oder die bestehenden Angebote vielfaltsgerechter gestaltet werden müssen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Viele Betriebe bieten eine Massage am Arbeitsplatz an, um Rückenleiden vorzubeugen. Für manche Beschäftigte kommt dieses Angebot aber gar nicht in Frage, weil unklar ist, ob die Massage von einem Mann oder einer Frau durchgeführt wird und ob man seine Kleidung dabei anbehalten darf. Vielleicht findet die Massage aber auch an einem Tag statt, an dem immer im Homeoffice gearbeitet wird oder die Kosten sind zu hoch, weil die oder der Beschäftigte nur geringfügig beschäftigt ist und nicht so viel verdient. Auf diese Fragen müssen Betriebe eine Antwort finden, damit alle teilhaben können.

Prävention hat es generell schwer. Der Gewinn liegt weit in der Zukunft, aber die Anstrengung muss heute erbracht werden. Verhaltenswissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Menschen dazu neigen, Profite in weiter Ferne abzuwerten, wenn sie dafür in der Gegenwart Anstrengungen unternehmen müssen. Bekannt ist das Phänomen als hyperbolische Diskontierung. Und dazu kommt noch die Vielfalt der Belegschaft, die stets mitberücksichtigt werden sollte. Vielfaltsgerechte Prävention umzusetzen ist also eine echte Herausforderung – aber es lohnt sich für die Gesellschaft, die Betriebe und die Beschäftigten.